Form finden.
von Dr. Winfried Nussbaummüller
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Schwer zu sagen, inwieweit Duchamps Ekel gegenüber dem manierierten Kunstsystem und sein inszeniertes Schweigen, das gern aus einer intellektuellen Distanz oder einem Spielwillen heraus erklärt wird, in einem Nahverhältnis gesehen werden kann zu Bella Angoras Verweigerung. In beiden Fällen wird von einem Nullpunkt aus argumentiert – einerseits vom Ende der retinalen Malerei und andererseits von dem des ausgelaugten Körpers und der Verweigerung des Kunstkampfes. So oder so führt das finale Statement auf Umwegen wieder zurück zur Kunst.

Wenn auch Bella Angoras Alias und ihre künstlerische Praxis vom Performativen und daher eindeutig von einem bestimmten Rollenverhalten sprechen, ist ihr „refuse to battle“ nicht Koketterie, sondern existentieller Natur. Als der Körper streikt, wendet sie die Künstlerin nolens volens den Basics zu: den grundsätzlichen Wertmustern und Zwängen, die eine Freiwilligkeit des Lebens ohnehin in Frage stellen lassen, sowie unsere permanente Suche nach Anerkennung, Liebe und Sexualität. Ausgehend vom Ich im Selbsttest befragt, bricht und demontiert Bella Angora die Konvention und findet Form, was sich selbst in der Zeichnung, dem leisesten Medium ihrer medialen Inszenierung ablesen lässt. 

Für den Betrachter ist der Kanaldeckel, den Bella Angora im Kreis und im geometrischen Dekor der schwarzweißen Zeichnungen ihres „refuse to battle“-Zyklus (2008) zitiert, eine subjektive Projektionsfläche. Vielleicht interpretiert man diese aufgrund des beinah griechisch ornamental anmutenden Sternrasters als Schild, der einem vor dem ansteigenden Schmutzwasser oder einer anderen übel riechenden Bedrohung von unten schützt. Sieht man den Deckel als Portal, als Ventil oder diffundierende Schicht zu einer verborgenen, einer gewollt oder unbewusst verdrängten Welt, die jedoch genauso real ist wie die oberflächlich gesäuberten Postkartenbilder des Selbst, dann lesen sich auch die darauf versammelten Motive als Indizien einer bewussten Verbindung mit dem Leben. Vor dem Hintergrund des strahlenförmigen Rasters verbinden sich – durch eine gänzlich andere, nämlich auflösende Strichbehandlung – die figurativen Elemente: Das Mädchen verschmilzt mit dem Pferd in gleicher Weise wie im weniger idyllisch geschönten Gegenbild die Frau mit der Ratte.

Anstelle eines stupiden Festhaltens an einem fadenscheinig moralisch polarisierenden Wertekorsett plädiert Bella Angora hier bildsprachlich für eine Welt, in der sich das Innen und Außen durchdringen. Die im Zyklustitel anklingende Verweigerung eines Kampfes, der für Mensch und Künstlerexistenz gleich bedeutend sein mag, manifestiert sich im Werk als ein ganzheitliches Zeigen und Zulassen von Schau- und Kehrseiten. Anstelle der Bewertung rückt das offene Infragestellen von Wahrheiten und Werten: „Es geht um Erfahrungen, Erfahrungen als solche“.

Die Auflösung der Oberflächen, die Bella Angora in den schwarzweißen Zeichnung beginnt, erweitert sie in den rotweißschwarzen Arbeiten weiter und entwickelt dieses Prinzip schließlich mit den farbenfrohen Regenbogenzeichnungen ins bunte Extrem. Als Antithese zum Entweder-Oder eines vielleicht bedrohlichen Schwarzweiß ist nun plötzlich das ganze Spektrum der Farben und damit eine wunderbar frische Pop- und Hippie-Ästhetik präsent. Das Klima der 70er-Jahre mit ihrem Mut zu freier Liebe und Weltumarmung spiegelt sich in den nun noch offeneren, stärker aufgelösten Konturen und Binnenzeichnungen. Die Gesamtstruktur erinnert an Baumrinden und damit an etwas Organisches, etwas Gewachsenes, das den abgebildeten Menschen nicht als Konkurrenz, sondern als Teil des Naturganzen klarstellt.

In Bezug auf die Andockstellen für Wahrnehmung steht diese Werkgruppe in Analogie zur grotesken mixed media-Performance „soft, slow and sweaty“. Die griffigen Klischees einer gegenwarts entrückten Märchenwelt, mit denen Bella Angora dort arbeitet, erlauben ein ähnlich hohes Identifikationspotenzial wie die eso-getränkte Farbenvielfalt. Die Haut markiert die Grenze zwischen dem Innen und dem Außen. Ihre sichtbare Dekonstruktion demonstriert die Bereitschaft zu einer ideologischen Grenzauflösung. Auf der Suche nach Alternativen zum Egotrip eines auf Wettstreit ausgerichteten Kunst- und Karrieredenkens, erarbeitet sich die Künstlerin damit auch im Zeichnerischen eine Möglichkeit, mit der Formverschmelzung, gestalterisch ein im Umgang mit den eigenen Ressourcen vielleicht versöhnlicheres, heilendes Naturpotenzial abzurufen.
 
Mit den subtilen Handzeichnungen, die zur Werkgruppe „soft, slow und sweaty“ entstanden sind, geht das Pendel farblich zurück zur Reduktion. Im Unterschied zu den detailverliebten Arbeiten mit Tuschestift, in denen sich ein vielschichtiges, langsames Arbeiten und damit generell die Qualität der Verlangsamung abbildet, zeigt sich nun ein ganz weicher, locker gesetzter Bleistiftstrich. Ein rhythmisches Netz zarter Linen verdichtet sich zu Knöcheln, Mulden, Fingerkuppen, behaarten Hügeln, öffnet sich zu Durchblicken und schließt sich zu Umarmungen. Ausgangspunkt dafür sind die Mudras, Fingerhaltungen, die in Bella Angoras persönlichem Prozess des Anhaltens und der Entspannung Bedeutung gewonnen haben. Im Bild wirksam ist sowohl die Energie des Loslassens, als auch die Intimität und Sinnlichkeit, die im Prozess einer Selbstfindung notwendig sind. Was soll darauf folgen? Vielleicht der sensationelle Punkt, von dem die Künstlerin meint, dass dort das wahre Ich ganz unspektakulär vor sich hinplätschert. 



Finding form.
Dr. Winfried Nussbaummüller

Hard to say, to which extent Duchamp’s disgust for the mannered art system and its staged silence, which is often explained due to an intellectual distance or a certain playfulness, can be seen in proximal relation to the refusal of Bella Angora. In both cases the basis for argumentation is the zero-point - the end of the retinal painting on the one hand and the leached out body on the other hand. So or so, the final statement is crabwise leading back to art.

Even though Bella Angora’s alias and her artistic practices are about performance and therefore clearly about certain role models, her „refuse to battle“ is not only coquetry, but exclusively existential. As the body is striking, the artist turns nolens volens towards the basics: the fundamental patterns of norms and restrictions that nonetheless question the free will in our life as well as the constant search for appreciation, love and sexuality. Based on the self that has been questioned in self-tests, Bella Angora is breaking and dismantling conventions, thus the moment of finding form can even be perceived in the spectrum of drawing, the most silent medium of her media production.

The manhole cover, quoted by Bella Angora with a circle and some geometric decor in the drawings from her „Refuse to battle“-cycle (2008), is for the viewer a subjective object of projection. Maybe it can be interpreted as a kind of shield, according to the almost Greek, ornamentally appearing star raster, meant to protect from rising wastewater or any other foul-smelling threat that comes from the depth. Perceiving the cover as a portal, an outlet or a diffusing layer to a hidden world that has been repressed either by deliberated decision or unconsciously, but at the same time it is as real as the superficial clean-shaved postcard pictures of the self, the assembled motifs on it can be read as some kind of indication for a conscious connection with life. Against the background of the radial raster, figurative elements are connecting by applying a completely different, namely a resolution-oriented way to draw: the girl is mingling with the horse and similarly, but less idyllic like the sugar-coated counter image, the woman with the rat.

Instead of a stupefying hanging on to a flimsy and morally polarizing straightjacket, through her picture language Bella Angora pleads for a world where the inside and the outside are saturated. The refusal of a fight - assonant in the title of the cycle, which for humans is probably as significant as for art people, epitomizes in her work as a comprehensive showing and approval of right- and backsides. Instead of estimation, the open challenge of truths and values is taking place: „it‘s all about experiences, experiences as such“.

The disintegration of surfaces Bella Angora starts with in the black & white drawings, and gets dilated in the red-white-black works. The artist develops this principle finally into a variegate extreme in her colourful rainbow-drawings. As an antithesis in order to the ether- or of a black & white threat, suddenly the whole colour spectrum is present, revealing a wonderful fresh pop- and hippie-aesthetic. The climate of the 70s with the courage for free love and all of its „hugging the world“ gets reflected in the even more open, more resolved outlines and details. The entire structure reminds of tree barks and therefore of something organic, something grown, that clarifies the depicted person as a part of the natural whole complete in itself, instead of being a competitor.

Relating to the docking sites for perception, this group of works stands in analogy to the grotesque mixed media performance „soft, slow & sweaty“. The catchy clichés of a fairytale world, which is completely removed from a present time, used by Bella Angora in this project, is definitely permitting a similarly high potential for identification as the esoteric soaked range of colours. The seeming deconstruction demonstrates one‘s readiness for an ideological dissolution of borders. In search of alternatives to stereotype thinking regarding the art business or a career - which is merely based on rivalry – the fusion of shapes allows the artist to creatively develop a maybe more blatant and more curative natural potential within the frame of drawing, in order to expose one‘s own capabilities.

With the subtle drawings of hands, produced for the workgroup „soft, slow & sweaty“ concerning colours, the pendulum returns to a reduction. In contrast to the detailed ink-pen works, which picture a multilayered and slow process that communicates the quality of slowing down, these drawings show a totally soft and relaxed, seated pencil stroke. A rhythmic grid of fine lines condenses into ankles, troughs, fingertips, and hairy hills. It opens itself for views and closes for embracement. Mudras, certain finger positions, that became an effective tool within the personal process of Bella Angora, are the initial point for this. The energy of letting go, as well as the intimacy and sensuality that is necessary for a process of self-discovery, is manifested in these pictures. So what comes next? Maybe the point of sensation where the true self just babbles completely unspectacularly, as the artist assumes.