In und ausserhalb des performativen Tuns

von Karlheinz Pichler

Eine der wesentlichen Aspekte der Kunst aus der Zeit ist, dass sie das Kleid avantgardistischer Ismen abgelegt hat und von  kontextuellen Fragestellungen und inhaltlichen Bezügen getragen wird. Die Dominanz abstrakter Theorien und rein strukturell-konzeptueller Entwürfe ist den poetischen und performativen Acts, den ereignis- und environment-bezogenen Konstellationen gewichen. Gerhard Richter meinte einmal: „Eines Tages werden wir keine Bilder mehr brauchen, wir werden einfach glücklich sein.“ Ob am Endpunkt des Performativen dieses Glück wartet, sei dahin gestellt.
„Statt sich auf die Prinzipien des ‚Werks’, der ‚Form’, der ‚Originalität’, der ‚Imagination’, des ‚Ausdrucks’ oder des ‚Wahrheitsvollzugs der Kunst’ zu stützen, wird Kunst zur ‚Performation’, zum ‚Ereignis’, zum ‚Spiel’ oder zur ‚Inszenierung’. Der Prozess der Avantgarde leitet so über zu einer radikalen Transformation der Kunst vom Werkhaften zum Performativen.“ (Paolo Bianchi in: Kunstforum Internantional, Bd. 152)

Bella Angora und Christian Falsnaes, die 2003 zu einer künstlerischen wie partnerschaftlichen Symbiose zusammengefunden haben, operieren mit ihren Produktionen sehr stark im Kanon des Performativen. Allerdings sind ihre häufig an sogenannten Off-Spaces stattfindenden Inszenierungen zumeist mit Videos, installativen Zeichnungen und Assemblagen aus Alltagsgegenständen angereichert. Die Performances werden quasi installativ ausgerichtet. Der Begriff „multimediale Konglomerate“ wäre für ihre Arbeiten denn wohl auch treffender. Angora, die mit bürgerlichem Namen Sandra Dorner heisst, und Falsnaes benützen dieses Medium des multimedialen Konglomerats als vermittelndes Reservoire, um Kunst in den öffentlichen und sozialen Raum zu tragen.

In den vergangenen Jahren sind eine Reihe von „Kompositionen“ entstanden, in denen sich verschiedenste Elemente aus Theater, Musical, Literatur, Film, Foto, Werbung, Alltagskultur, Installation und klassischer Kunst wie Zeichnung und Malerei zu Crossover-Systemen verschmelzen. Dass sowohl Angora als auch Falsnaes über die musikalische Schiene in die bildende Kunst vorgestossen sind, wird bei fast allen Aufführungen evident.

Das erste gemeinsame Werk des Duos, „Lolas Kellerbahn“, wurde 2003 anlässlich der Dada-Festwochen in einem riesigen Keller der Zürcher Sihlpapierfabrik aufgeführt. Der Besucher wurde damals mit unterschiedlichen Szenarien, die sich aus der Dunkelheit abhoben, konfrontiert. Szenarien, die das Dunkle und das Schöne der 1930er Jahre heraufbeschworen. Szenarien, in denen sich in der Porträtierung der 1930er Jahre als eine Umbruchs- und Aufsbruchszeitzeit auch die Bezüge zur Gegenwart brachen.

In der nachfolgenden Performance „Tarzan & Jane“ stützen sich Angora und Falsnaes auf die ikonografischen Stereotypen Tarzen und Jane ab, um gesellschaftliche und soziale Dissonanzen aufzuzeigen. Aufs Korn genommen werden die ignorante Haltung der Gesellschaft und die sozialen Missstellungen in Bereichen wie etwa Rassismus, Tourismus oder gegenüber von Geschlechterrollen und Geschlechterzugehörigkeiten. Die Weigerung von Tarzan und Jane, sich sozialen Normen und Werten unterzuordnen, gipfelt letztlich in  einer Art Dschungelniederreissung, bei der Jane ihrem Geliebten resignierend eine dänische Flagge in den unzivilisierten Arsch steckt und diesen Akt mit einem melancholisch angehauchten Lied über Liebe und Leben überlappt.

Auch in den weiteren Gemeinschaftsproduktionen wie „Feel“, „Patterns“, „Texas“, „Alter Egos“ und „Stop Slavery“ geht es um Sozial- und Gesellschaftskritik, um Identitätsfindung, um die Auflehnung gegen eingefahrene Muster und Normen und um die philosophische Hinterfrageung von Begrifflichkeiten wie real und irreal. Die Arbeiten des Duos sind dabei stark persönlich gefärbt und speisen sich durch eigene Lebenserfahrungen. Es sind Plädoyers an den Betrachter, die gegebenen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Realitäten, in denen man verhaftet ist, zu hinterfragen. Es sind Aufforderungen, vermeintlich fixe Lebenskoordinaten nicht als gegeben hinzunehmen und die Bereitschaft zu zeigen, Realitäten mitunter neu zu definieren.
Um ihre Botschaften rüberzubringen, bedienen sich Angora und Falsnaes auch gerne der Methoden der Werbestrategen. Das verleiht ihren Werken trotz ihrer ironischen Ernsthaftigkeit vielfach groteske, ja teils auch kitschige Züge.  

Neben diesen performativ-szenischen Operationen sind Angora und Falsnaes in der jüngsten Vergangenheit immer stärker dem Medium Bild und Zeichnung verfallen. Auch hier sind die Themen dieselben: Die Abgrenzung des Ichs von der Masse und dem Mainstream, die Auflehnung gegen festgefahrene Strukturen und Muster, die Neuerfindung des Ichs und der Umwelt. Dabei verstehen es die beiden auf zugleich verführerische wie irritierende Weise, die Zeichnung zu einem Wahrnehmungserlebnis werden zu lassen, in dem sie vertrauten Grundhaltungen immer wieder neue Richtungen einflössen. Beide bauen Texturen als Bild- und Kommunikationselemente ein, aber während Angoras Bilderzyklen stark collagiert und mehrschichtig sind, verlässt sich Falsnaes ganz auf die Stärke der Linienführung.

Als eine Art Quintessenz des teambezogenen Schaffens angora’scher und falsnaes’scher Ausprägung  darf die jüngste Ausstellung „Deplaced“ des Duos in der Galerie Stalke in Kopenhagen (Dänemark) bezeichnet werden. Multimediales Crossover verbindet sich hier zu einem interdisziplinären Gesamtkunstwerk. Unter Zuhilfenahme verschiedenster Medien und technisch breit angelegt, betreten Angora und Falsnaes hier ein Versuchsfeld, dass den Postionierungen des Individuums Mensch in einer gruppendenkenden, Werte- und Normen-übergreifenden und Normen-übernehmenden Gesellschaft gehörig auf den Grund geht.

Auch wenn die Arbeiten der beiden Kunstschaffenden im Grundton sämtlich ironisch und humorvoll daher kommen, tönt stets auch ein etwas melancholischer Klang über ihnen. Das hängt wohl damit zusammen, dass beide Teile des Duos Angora/Falsnaes immer wieder ums nackte Überleben kämpfen mussten. Dieser existenzielle Grundton tickt wie ein seismografisches Pendel. Der Betrachter kann diesen granularisierten Odem auf unbewusste Weise aufnehmen, - so er nicht völlig abgestumpft ist.


Karlheinz Pichler ist Kurator und Kunstkritiker. Er lebt und arbeitet in der Schweiz und in Österreich.